02.02.1932 – Buchbesprechung: „Hitlers Weg“ von Theodor Heuß. Vossische Zeitung

Quellendokument (Abschrift): „Politik im Buch“ Theodor Heuß: Hitlers Weg

In den publizistischen Kampf um den Nationalsozialismus, der auch von seinen Gegner bisher mehr mit dem Pamphlet als mit der Waffe sachlicher Widerlegung geführt wurden greift eine Schrift des staatsparteilichen Reichstagsabgeordneten Theodor Heuß ein: „Hitlers Weg“ (Union Deutsche Buchgesellschaft).

Schon der Untertitel kennzeichnet die Abweichung von der üblichen Polemik. Diese „historische-politische Studie“ ist , wie der Verfasser selbst bemerkt, weniger laut als die übrige Streitliteratur. Sie „enthüllt“ nicht, klagt nich an, deklamiert nicht, sondern sie sagt aus – von der sicheren Warte einer leidenschaftslosen geistigen Zeugenschaft. Das ist viel in einer Zeit, in der der Ruf zum Sammeln auf allen Seiten fast nur noch mit der Trompete ausgebracht wird.

Hitlers Weg von der Hinterstube eines Münchener Bierausschanks an die Spitze einer Millionenpartei bezeichnet eine der großen Marschrouten in der geistig-seelischen Nachkriegsentwicklung. Es ist nicht nur falsch, sondern auch vom Standpunkt der Abwehr aus unklug, die Geschichte der Hitlerbewegung lediglich als eine Folge von Konspiration, routinierter Massenbeeinflussung und gewerbsmäßiger Irreführung der Bevölkerung aufzufassen. Gewiß stellt die Agitation der nationalsozialistischen Funktionäre jeden Ranges einen Gipfelpunkt bewußter Demagogie und völlig bedenkenloser Propaganda-Technik dar. Noch nie ist der Mangel an jeder sachlichen Grundlegung, die Unsachlichkeit geradezu als Prinzip der Politik so schonungslos bloßgelegt worden, wie in der objektiven Auseinandersetzung, die Heuß mit dem Programm und der praktisch – politischen Betätigung der Hitler-Partei führt. Aber man darf daüber nicht vergessen, daß dieser Massenbewegung, deren Aufstieg nur aus dem allgemeinen Niedergang denkbar ist, die seelische Bereitschaft eines zerquälten, in Enge und Elend zerriebenen Volkes entspricht. Diesen destruktiven Elementen nachzuspüren, die aus den Zeitverhältnissen komen, und sie an absoluten und ideengeschichtlichen Werten zu messen, ist die wesentliche Aufgabe dieser Schrift.

So zeigt Heuß neben dem straff durchorganisierten Parteiapparat neben der Taktik und er Psychologie nationalsozialistischer Massenführung auch die atmosphärischen Bedingungen, die die Partei groß gemacht haben. Er weist nach, wie dieser starre unbedingte Doktrinarismus inmitten der fragwürdig schwankenden zeit mit Naturnotwendigkeit durchschlagende Kraft erhielt; wie die intellektuellen Hemmungen, die fach- und fachkritischen Einwände erliegen mußten, als in eine seelisch wie materiell ausgehungerte Masse der Gefühlsschwall nationalistischer Romantik einbrach. Diese zwei Tendenzen, der Herdenkult, die legendäre Luft um den „Führer“, und die rationale Beherrschung des Apparats waren und sind die Grundelemente der Partei. Heuß beobachtet vollkommen richtig, wenn er vor allem die „S.A.“ in diesen Zusammenhang stellt, die nach außen hin durch ihr „Marthrium“ als stärkstes Propaganda-Mittel wirkt und zugleich die handfeste hauptarbeit in der Agitation zu leisten hat, wobei ihre innere Zucht durch die Verheißung aufrecht erhalten wird, daß sie nach dem Vorbild der faschistischen Miliz im Dritten Reiche staatlich legitimiert werde.

Hitler selbst erscheint in dieser Darstellung nicht nur in der Rolle des Organisators und der großen Versammlungskanone, sondern auch als der Getriebene, mit scharfem Instinkt für die Zeitströmungen, die ihn und seine Bewegung hochtragen. Sein gedanklicher Beitrag zum Prgramm ist denkbar gering, aber sein Temperament, seine rhetorische rauschvolle Hingabe, die die Masse zu ihm zwingt, sichern ihn seine Stelle als legendäre Figur, nach der die Autoritätsgläubigkeit aller Nachläufer verlangt. Es ist auch im wesentlichen seiner Wendigkeit zuzuschreiben, daß die Klippen zwischen „Legalität“ und Machttrieb, zwischen anmaßender Heilsprophetie und offenkundiger Unfähigkeit zu sachlicher Arbeit immer wieder umschifft werden. Heuß unterläßt aber auch nicht, mit Nachdruck auf die Schuld der Mittelparteien hinzuweisen, die über ihren gegenseitigen Grenzkämpfen die Hauptaufgabe versäumten, ihre Gefolgschaft ständig in der Richtung auf die staatspolitischen Notwendigkeiten zu halten.

In der Darstellung des ideengeschichtlichen Hintergrundes verdient die Deutung, die die offene Sympathie protestantischer Kreise für Hitler erfährt, besondere Beachtung. Mit Recht wird das Ressentiment, das sich aus der Erinnerung an das frühere Staatskirchentum gegen die Republik wendet, als eine der treibenden Kräfte bezeichnet. Dazu kommt di Erkenntnis der schweren sozialpolitischen Versäumnisse in der Vorkriegszeit, die die Kirche mit ihrer schroffen Ablehnung der Sozialdemokratie beging. Heut glauben deshalb gerade kirchentreue Kreise die Möglichkeit zu sehen, dem Protestantismus durch Anschluß an die angeblich „soziale“ Bewegung fische Kräfte zuzuführen.

Dieses Buch ist aus einfühlendem Verständnis für die Verwirrung und Not unserer Zeit geschrieben. Es ist bis ins letzte gerecht und weicht in der Beurteilung des Gegners wohltuend von der üblichen moralischen „Schwarz-weiß-Technik ab. Um so unanfechtbarer sind die Maßstäbe, die den tatsächlichen Tiefstand in Verantwortung und Können auf der Gegenseite dartun, um so überzeugender auch die Sicherheit, daß der Weg aus dem geistigen Chaos nicht über die Gasse führen kann. O.H.“



Aus der gleichen Ausgabe der Vossischen Zeitung zur tagesaktuellen Einordnung:

Quelle: https://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/list/title/zdb/27112366/

Links:

http://www.verbrannte-buecher.de/?page_id=814

Zusammenstellung vom 27.02.2022, herral

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